Digital Fotokurs

 

 

Die Brennweite eines Objektives als Gestaltungsmittel nutzen

Die verschiedenen Brennweiten dienen nicht nur einfach dazu, von einem feststehenden Aufnahmestandort aus entweder ein ganzes Panorama mit einem Weitwinkelobjektiv oder etwas weit entferntes, beispielsweise ein einzelnes Gebäude, mit einem Teleobjektiv zu fotografieren.

 

Die Brennweite eines Objektives kann als direktes Gestaltungsmittel eingesetzt werden.

Allgemeine Definitionen und Begriffs Erklärungen

Sämtliche Brennweiten Angaben beziehen sich auf das Kleinbildformat. Wie groß der Umrechnungsfaktor ist, hängt von der Sensorgröße ihrer Kamera ab. Die meisten digitalen Spiegelreflexkameras haben einen kleineren Sensor als das Kleinbildformat, das 24x36 mm beträgt. Bei digitalen Spiegelreflexkameras sind die Sensoren etwas größer als 23x15 Millimeter, hinter dem Komma differiert die Zahl je nach Kamerahersteller. Das bedeutet, die Brennweite muss umgerechnet werden, beispielsweise entspricht das so genannte Normal- oder Standardobjektiv einer Kleinbildkamera mit 50 mm etwa 35 mm bei den gängigen digitalen Spiegelreflexkameras. 35 mm wären beim Kleinbildformat bereits ein Weitwinkel.

 

 

Die verschiedenen Objektivtypen bei der Kleinbildkamera unterscheiden sich, von Spezialobjektiven einmal abgesehen, vor allem im Bildwinkel. Je kürzer die Brennweite bei einem Kleinbildobjektiv, umso größer der Bildwinkel. Daher kommt die Bezeichnung Weitwinkelobjektiv, das Weitwinkelobjektiv hat gegenüber der Standardbrennweite einen viel weiteren Bildwinkel. Umgekehrt hat das Teleobjektiv einen viel kleineren Bildwinkel.

 

Von der Größe des Sensors ist nicht nur der Umrechnungsfaktor abhängig, sondern zugleich die absolute Brennweite bezogen auf einen bestimmten Bildwinkel. Je kleiner der Sensor, umso kleiner auch diese Brennweite. Bei den kleinen Sensoren von Pocketkameras ist dieser Umrechnungsfaktor extrem. Eine Brennweite, die für ein Kleinbildobjektiv noch ein leichtes Weitwinkelobjektiv wäre, ist bei diesen Kameras bereits ein starkes Teleobjektiv.

Die absolute Eigenschaften verschiedener Brennweiten, unabhängig vom Objektiv

 

 

 

 

 

 

Je kürzer eine Brennweite ist, umso größer ist die Tiefenschärfe. Bei Pocket Kameras mit kleinen Sensoren reicht sie von 1 m bis unendlich.

 

Umgekehrt, je länger die Brennweite, umso geringer die Tiefenschärfe.

 

Die Tiefenschärfe ist also nicht nur abhängig davon, ob man ein Weitwinkel- oder Teleobjektiv benutzt, sondern wesentlich von der Sensorgröße beziehungsweise bei analogen Kameras von der Größe des Filmformats, die im analogen Bereich von Spezialkameras wie der legendären Minox einmal abgesehen, vom Kleinbildformat über das Mittelformat bis hin zu den Großformatkameras reicht.

 

Im gestalterischen Bereich dominieren in der analogen Fotografie die Mittelformat-kameras mit einem Aufnahmeformat von 6x6 cm beispielsweise der Hasselblad oder 6x7cm der moderneren Mamiya. Anspruchsvolle Amateure greifen eher zum kleinen Mittelformat mit einem Filmformat von 4,5x6 Zentimetern.

 

Für noch anspruchsvollere Aufgaben dominiert nach wie vor das Großformat, weil es die meisten Einstellmöglichkeiten bietet. Gängige Großformatkameras haben ein Format von 9x12 bis 18x24 Zentimetern.

 

Die beiden nebenstehenden Fotos von Kirchenfenstern in der Ulmer Paulus Kirche zeigen die Leistungsfähigkeit einer Großformatkamera. Die Fenster befinden sich in über 8 m Höhe. Egal mit welcher Kamera und welchem Objektiv Sie versuchen, in einer solchen Aufnahmesituation Fotos zu machen, Sie werden immer stürzende Linien haben, weil Sie nun mal schräg nach oben fotografieren.

 

Doch mit einer Großformatkamera lassen sich die stürzenden Linien vollkommen vermeiden, wie die beiden nebenstehenden Bilder eindrucksvoll zeigen. Das funktioniert deshalb, weil bei der Großformatkamera nicht einfach nur verschiedene Objektive aufgesetzt werden können, sondern die Objektivebene zur Aufnahme Ebene vielfältig verstellbar ist. Für diese Fotos wurden Aufnahmeebene und Objektivebene parallel senkrecht ausgerichtet, der Aufnahmewinkel nach oben wurde erreicht, indem die Objektivebene nach oben versetzt wurde. Beim zweiten Foto, das zusätzlich auch noch seitlich versetzt ist, wurde die Objektivebene entsprechend zusätzlich zur Seite versetzt..

Die Eigenschaften der verschiedenen Brennweiten

Weitwinkelobjektive

Weitwinkelobjektive haben, der Name sagt es schon, einen gegenüber der Standardbrennweite von 50 mm vergrößerten Bildwinkel. Je kleiner die Brennweite, umso größer ist der Bildwinkel bis hin zu 180° bei einem Fisheye Objektiv.

 

 

Der größere Bildwinkel bedingt, dass die Abstände in der tiefen Staffelung zwischen den einzelnen Bildobjekten erheblich zunehmen. Beispielsweise kann der recht schmale Neckar, wenn man Heidelberger Altstadt und Heidelberger Schloss vom gegenüberliegenden Neckarufer aus fotografiert, mit einem starken Weitwinkelobjektiv wie ein riesiger See wirken.

 

 

Der größere Bildwinkel und die Staffelung in der Tiefe bewirkt ebenfalls, dass alles, was im Vordergrund ist, überdimensional groß dargestellt wird. So wird auch aus dem doch eher schmalen Neckar plötzlich ein Ozean. Aus diesem Grund verbieten sich, es sei denn man möchte genau das als Effekt, Weitwinkelobjektive ganz generell in der Porträt und Akt-Fotografie, denn eine Nase würde beispielsweise sehr unvorteilhaft riesig vergrößert.

 

Weitwinkelobjektive haben eine große Tiefenschärfe. Extreme Weitwinkelobjektiv mit Bildwinkeln oberhalb 100° haben deshalb noch nicht einmal mehr eine Entfernungseinstellung, sie zeichnen ohnehin von hinten bis vorne restlos alles scharf. Je kleiner die Brennweite, umso größer die Tiefenschärfe.

Die Standardbrennweite

 

 

 

 

 

Die lichtstärksten Objektive sind für die Standardbrennweite entwickelt worden. Da Brennweite und Diagonale des Aufnahmeformats annähernd einander entsprechen, war die Entwicklung von Hochleistungsobjektiven mit der Standardbrennweite am einfachsten, weil dieser Bereich die wenigsten optisch-physikalischen Probleme bereitet. Im übrigen sollen der Bildwinkel eines Standardobjektivs und der Bildwinkel unserer tatsächlichen Wahrnehmung (tatsächlich ist unser Sehfeld deutlich größer), in etwa einander entsprechen.

 

 

Das entspricht jedoch nicht meiner Beobachtung. Arbeite ich beispielsweise wie jetzt gerade am Monitor, ich habe einen Dual Monitorbetrieb, nehme ich konzentriert eigentlich nur wahr, was sich gerade auf dem Monitor tut, auf dem dieser Text entsteht. Selbst den zweiten Monitor nehme ich nur noch am Rande wahr, die übrige Einrichtung meines Büros klammere ich in meiner Wahrnehmung weit gehend aus. Dem entspricht nicht so sehr die Standardbrennweite, als vielmehr ein leichtes Teleobjektiv.

Tele Objektive

 

 

 

 

Tele Objektive entsprechen einem Fernglas. Sie verengen den Bildwinkel und holen damit weiter entferntes näher heran. Gleichzeitig verkürzen sie auch die Abstände in der tiefen Staffelung. Im Gegensatz zu kürzeren Brennweiten verzeichnen Tele Objektive auch nahezu nicht. Deshalb werden leichte Teleobjektive, vorzugsweise in einem Brennweitenbereich von 80-100 mm, in der gesamten Porträt- und Aktfotografie als Standard Brennweiten verwendet.

 

 

 

 

Tele Objektive haben, mit zunehmender Brennweite, eine immer geringere Tiefenschärfe.

 

Das kann als gestalterisches Mittel eingesetzt werden, ganz besonders bei Porträtaufnahmen im Freien, denn mit einem Teleobjektiv kann man den Bereich, der scharf gezeichnet wird, auf den bildwichtigsten Teil, in diesem Fall also die abgebildete Person, einengen.

 

 

 

 

Lange Brennweiten mit ihrer bei offener Blende sehr geringen Tiefenschärfe verlangen eine sehr sorgfältige Fokussierung auf den Bild wichtigsten Teil. Bei diesem Foto ist es leider schief gegangen, ich verwendete ein älteres, sehr lichtstarkes Teleobjektiv mit 135 mm Brennweite und manueller Scharfeinstellung und war nicht sorgfältig genug bei der manuellen Fokussierung. Schade, denn Haltung und Gesichtsausdruck wären es Wert gewesen, aus diesem Foto etwas zu machen. Bei Teleobjektiven mit offener Blende muss man sich auch bewusst sein, dass die Schärfentiefe nach vorne sehr viel schneller abnimmt als nach hinten, würde der Auto Focus eines modernen Objektives beispielsweise auf das Kleid scharf stellen, wäre das Gesicht bereits unscharf, weil es vor dem Kleid ist.

 

Wäre noch genug Licht gewesen, doch die Sonne war bereits kurz vor dem Untergehen, hätte ich natürlich einen kleinere Blende verwenden können und durch die dadurch wesentlich größere Tiefenschärfe wäre der bildwichtigste Teil vermutlich selbst mit dieser schlampigen Fokussierung noch ausreichend scharf gewesen. Doch genau deshalb verwendete ich das lichtstarke alte Objektiv, für Abblenden war einfach nicht mehr genug Licht.