Digitaler Fotokurs

Die Belichtungszeit

Mit der Belichtungszeit bestimmen Sie, wie Bewegungen im Bild dargestellt werden. Man kann Bewegungen einfrieren oder im Gegenteil fließen lassen. Praktisch jede digitale Kamera, die diese Bezeichnung überhaupt verdient, bietet neben einer Vollautomatik und im Einsteigerbereich zusätzlich etlichen Motivprogrammen, auf die im professionellen Bereich selbstverständlich verzichtet wird, eine Zeitvorwahl oder Blendenvorwahl. Hier geht es um die Zeitvorwahl.

 

 

 

 

Fontana di Trevi

 

Fontana di Trevi in Rom. 1/30 sec. bei ASA 1600.

 

Zunächst muss man für sich die untere Grenze ermitteln, mit der man noch aus der Hand belichten kann, also ohne Zuhilfenahme eines Stativs. Das hängt sowohl von der Kamera als auch von der Ruhe Ihrer Hände ab.

 

 

 

Spanische Treppe

 

Spanische Treppe in Rom. Belichtungszeit eine Zehntelsekunde aus freier Hand.

 

Denn längere Belichtungszeiten ohne Stativ, als Sie sie aus freier Hand beherrschen, würden automatisch zu Verwacklungen im Bild führen. Bei einer Pocketkamera ohne Shakereduction liegt diese Untergrenze im Bereich von 1/60 Sekunde, bei einer digitalen Spiegelreflexkamera ohne Shakereduction geht man vernünftigerweise von 1/30 Sekunde aus, mit einer guten Shake Reduction und einer ruhigen Hand sind jedoch Belichtungszeiten von bis zu einer Viertel Sekunde aus freier Hand gerade noch möglich.

 

 

 

Heidelberger Schloss

 

 

 

 

 

Alle noch längeren Belichtungszeiten erfordern ein Stativ.

 

Benutzen Sie ein starkes Teleobjektiv mit Brennweiten (wie immer auf das Kleinbildformat bezogen) oberhalb von 250 mm werden Sie bereits bei Belichtungszeiten, die Sie locker mit kürzeren Brennweiten aus der Hand beherrschen, ein Stativ benötigen. Da lange Brennweiten weder besonders lichtstark sind noch über eine große Tiefenschärfe verfügen, werden Sie selbst bei gutem Licht tagsüber mit einem starken Teleobjektiv fast immer ein Stativ brauchen.

Kurze Belichtungszeiten um Bewegungen einzufrieren

Wie kurz die entsprechende Belichtungszeit sein muss,

 

 

 

Feuertänzerin Arjuna

 

 

 

hängt natürlich von der Bewegung ab.

 

 

 

Feuertänzerin Arjuna

 

 

 

 

 

Bewegungen die quer durch das Bild laufen erfordern wesentlich kürzere Belichtungszeiten als Bewegungen,

 

 

Feuertänzerin Arjuna

 

 

 

 

die sich auf die Kamera zu oder von der Kamera weg bewegen.

 

Die 3 Fotos der Feuertänzerin Arjuna jeweils mit 50 mm Festbrennweite, Blende 1,7 1/90 sec. bei 1600 ASA.

 

 

 

 

Ballett-Tänzerin

 

Studio mit Studioscheinwerfern, offene Blende (4.5), 1/125 sec. Diese Belichtungszeit war gerade noch kurz genug, um die Bewegungen der jungen Tänzerin zumindest nahezu einzufrieren. Eine noch kürzere Belichtungszeit war mit dem vorhandenen Licht nicht möglich. Doch der kleine Rest vom Bewegung, der im Kleid noch sichtbar ist, hat auch seinen Reiz und macht die Bewegung deutlich.

 

 

 

Bei den meisten relativ schnellen Bewegungen, die quer durch das Bild laufen, sind Sie mit Belichtungszeiten von 1/250 Sekunde oder kürzer auf der sicheren Seite. Natürlich, wenn Sie einen Düsenjäger mit hoher Geschwindigkeit Format füllend fotografieren möchten, dann brauchen Sie nicht nur ein sehr starkes Teleobjektiv, sondern auch extrem kurze Belichtungszeiten von 1/1000 Sekunde und kürzer. (Bei einer Geschwindigkeit von 1000 km werden in 1 Sekunde 27,7 m zurückgelegt, das sind selbst in einer Tausendstel Sekunde noch knapp 30 cm, die sich der Düsenjäger durch das Bild bewegt, wenn Sie die Kamera nicht bereits mit ziehen und somit der Bewegung folgen, bevor Sie den Auslöser betätigen.)

 

 

 

Taekwondo

Ebenfalls 1/125 sec. bei offener Blende, bei einigen dieser Fotos sind schon sehr deutliche Bewegungsunschärfen im Bild. Hier wären eigentlich Belichtungszeiten von 1/250 sec. oder kürzer erforderlich gewesen.

 

 

Es hängt ganz wesentlich von der Geschwindigkeit und Richtung der Bewegung ab, welche Belichtungszeit gerade noch geht, um die Bewegung einfrieren zu können. Dafür gibt es keine Patentrezepte, sondern Fotografieren besteht unter anderem aus experimentieren und den sich daraus ergebenden Erfahrungswerten.

Taekwondo

 

 

 

 

 

 

Kurze Belichtungszeiten erfordern auch bei offener Blende viel Licht. Doch die vorhandene Lichtmenge können Sie nur im Studio mit einer genügend starken Blitzanlage selbst steuern. Manchmal sind kurze Belichtungszeiten einfach deshalb nicht möglich, weil das Licht nicht ausreicht.

 

 

 

 

 

Sprung

 

Durch den hellen Hintergrund, der das Licht reflektiert, war bei diesem Foto gerade noch so eine Belichtungszeit von 1/180 sec. bei offener Blende möglich, eine leichte Bewegungsunschärfe ist noch im Bereich der Füße. Die prinzipiell begrenzte Lichtmenge ist einer der Nachteile von Studiolampen anstatt einer Blitzanlage. Der Vorteil ist das ständig zur Verfügung stehende Licht, das kurze Bildfolgen und selbst Serienfotos erlaubt.

 

Kurze Bildfolgen sind zwar theoretisch auch mit den mittlerweile sehr schnellen Nachladezeiten moderner kompakter Blitzanlagen möglich, das ist jedoch Theorie, denn gerade bei den kompakten Blitzanlagen überhitzen bei schnellen Bildfolgen auch schnell die Kondensatoren und explodieren schließlich. Actionfotografie mit Blitzanlagen erfordert sehr leistungsfähige separate Generatoren. Und selbst dann sollte es zur Schonung der Kondensatoren die absolute Ausnahme bleiben. Wenn Sie Actionfotos machen möchten und nicht mindestens Euro 5000 für eine gute Blitzanlage übrig haben, dann sollten Sie über die Alternative Studioscheinwerfer nachdenken.

 

 

Im Studio können Sie mit einer Blitzanlage zwar nicht die Belichtungszeit steuern, denn die meisten Kameras selbst noch in der semiprofessionellen Liga bieten nur eine einzige Belichtungszeit, meistens 1/125 Sekunde, für die Blitzsynchronisation an, doch je besser eine Blitzanlage ist, umso eher haben Sie Einfluss auf die Dauer des Blitzes.

 

Bereits einige kompakte Studio-Blitzanlagen bieten verschiedene Einstellungen für die Blitzdauer an. Dabei sollte man beachten, das gilt ganz besonders für die Produktfotografie, bei der es auf höchste Genauigkeit ankommt, durch eine Veränderung der Blitzdauer verändert sich auch die Farbtemperatur des Lichts.

 

Mit Mittelformatkameras und einer Blitzanlage in der Profiliga können Sie selbst mit einer Blitzanlage Bewegungen im Bild sichtbar machen.

 

Bei den Blitzanlagen von Broncolor und einigen anderen Herstellern für den professionellen Bedarf kann die Dauer des Blitzlichts von 1/100 sec. bis zu 1/2500 sec. eingestellt werden. Das zusammen mit einem Zentralverschlussobjektiv und Belichtungszeiten für die Blitzsynchronisation zwischen 1/30 sec. und 1/250 sec. macht eine hochwertige Blitzanlage ebenso flexibel wie Dauerlicht von hochwertigen Studioscheinwerfern, jedoch mit dem Unterschied, ein Vielfaches an Licht zu erzeugen. Doch längere Belichtungszeiten ebenso wie die längere Leuchtdauer des Blitzes erfordern zwingend einen Zentralverschluss anstatt des bei digitalen Spiegelreflexkameras üblichen Schlitzverschlusses, sonst hätten Sie nämlich statt einer fließenden Bewegung mehrere Bewegungsstufen übereinander belichtet im Bild, je nachdem, wo sich der Schlitz gerade befindet. Das sei jedoch nur am Rande erwähnt, denn eine professionelle Blitzanlage schlägt bereits mit mindestens EUR 5000 zu Buch, eine professionelle Mittelformatkamera nochmals mit mindestens demselben Betrag, ein Zentralverschlussobjektiv ist auch nicht unter EUR 2000 zu haben und ein Digitalrückteil für eine Mittelformatkamera kostet deutlich über EUR 10.000.

Bewegungen sichtbar machen

Mit kurzen Belichtungszeiten werden Bewegungen eingefroren, mit etwas längeren Belichtungszeiten macht man eine Bewegung sichtbar.

 

 

 

 

Ballett-Tänzerin

 

 

 

 

Letztendlich hängt es immer von der gewollten Bildaussage ab, ob eine Bewegung statisch eingefroren wird oder gerade noch sichtbar.

 

Fließendes Wasser, dessen Bewegung eingefroren wurde, wirkt auf uns meistens unnatürlich. Denn das Auge hat nun mal keine Belichtungszeiten und nimmt eine Bewegung auch als solche wahr. Das Auge oder genauer gesagt das Gehirn verarbeitet nur Eindrücke einzeln, die länger als etwa 1/20 dauern. Das ist auch der Trick von Film und Fernsehen, mit 25 Bildern pro Sekunde nehmen wir nicht mehr die einzelnen Bilder wahr, stattdessen Bewegung. Die Belichtungszeit im Film beträgt etwa 1/30 Sekunde, wenn Sie sich die Einzelbilder eines Films, der eine schnelle Bewegung zeigt, ansehen, dann werden Sie feststellen, dass in den einzelnen Bildern erhebliche Bewegungsunschärfen sind. Doch bei 25 Bildern pro Sekunde verarbeitet das Gehirn nur noch die Bewegung und nimmt die Bewegungsunschärfen des einzelnen Bildes nicht mehr wahr.

 

 

Für fließendes Wasser, das auf uns natürlich wirken soll, sollte man keine Belichtungszeiten kürzer als 1/60 Sekunde wählen. Sonst wird jeder Wassertropfen eingefroren, wirkt also statisch. Gelegentlich kann das sogar erwünscht sein, wie beispielsweise bei diesem Foto von einem der beiden Brunnen auf dem Petersplatz in Rom im Gegenlicht. Durch die kurze Belichtungszeit von 1/350 Sekunde im Gegenlicht wirken die Wassertropfen wie Perlen.

 

 

 

 

Brunnen, Petersplatz

 

 

 

 

 

Doch fließendes Wasser wirkt auf uns viel natürlicher, wenn man die Bewegung auch wahrnimmt wie bei diesem Foto, das ebenfalls an diesem Tag in Rom entstand.

 

 

 

 

 

Fontana di Trevi

 

Fontana di Trevi in Rom. Belichtungszeit 1/8 sec. aus freier Hand.

 

 

 

 

Für Belichtungszeiten länger als 1/30 Sekunde benötigen Sie selbst mit Shakereduction eine ruhige Hand. Dafür ist wiederum eine Kamera erforderlich, die gut in der Hand liegt und genügend Gewicht hat, um das Zittern der Hände alleine schon durch ihr Gewicht zu reduzieren.

Längere Belichtungszeiten ohne Stativ

Wenn Sie gelegentlich, weil entweder das Licht nicht ausreicht für kürzere Belichtungszeiten oder Sie, weil Sie eine langsame Bewegung sichtbar machen möchten, mit Belichtungszeiten länger als 1/30 Sekunde arbeiten und kein Stativ dabei haben, können Sie mit etwas Training und einer Kamera mit Shakereduction Belichtungszeiten bis zu einer Viertelsekunde noch aus freier Hand hinkriegen.

 

 

 

 

spanischeTreppe

 

1/6 sec, Blende 3,5, 400 ASA aus freier Hand

 

 

 

Am besten gelingt das, wenn man sich selbst irgendwo anlehnen kann, in einen ruhigen Atem-Rhythmus kommt und auslöst, wenn man gerade ausgeatmet hat.

 

Soweit es sich dabei nicht um einmalige Bildsituation handelt, sondern um ein Motiv, das auch noch in der nächsten Sekunde vorhanden ist, sollten Sie jedoch sicherheitshalber bei Belichtungszeiten länger als 1/15 Sekunden mehrere Fotos machen, um wenigstens eins zu haben, das nicht verwackelt ist.

Die Bewegungsunschärfe im Bild

Unschärfen durch Bewegung im Bild können auf mehrere Arten entstehen. Die eine Art entsteht durch Bewegungen für die die Belichtungszeit nicht kurz genug war. Das kann, wie oben erläutert, gelegentlich erwünscht sein, besonders bei fließendem Wasser, gelegentlich, wie bei dem nachfolgenden Foto ist es auch unerwünscht und hätte mit einer kürzeren Belichtungszeit vermieden werden können.

 

 

 

Sprung

 

Von diesem Sprung war ich total überrascht. Für die Fotos, die ich vorher gemacht hatte, genügte 1/45 völlig um keine Bewegungsunschärfen im Bild zu haben. Beim nächsten Foto, das Sie bereits weiter oben gesehen haben, nahm ich dann die kürzeste Belichtungszeit, die mit dieser Beleuchtung noch möglich war und erreichte mit Ausnahme einer kleinen Bewegungsunschärfe im Bereich der Füße eine eingefrorene Bewegung.

 

Die zweite Art der Bewegungsunschärfen entsteht durch Verwackeln. Als Verwackeln bezeichnet man Unschärfen im Bild, die durch eine Bewegung der Kamera entstanden sind. Das passiert immer dann, wenn die Belichtungszeit länger ist, als Sie die Kamera ruhig halten können. Also bei Pocket-Kameras Belichtungszeiten länger als 1/60 Sekunde und bei digitalen Spiegelreflexkameras ohne Shakereduction beziehungsweise einer sehr ruhigen Hand bei Belichtungszeiten länger als 1/30 Sekunde.

 

Fotografieren Sie aus einem Flugzeug, einem mit hoher Geschwindigkeit fahrenden Zug oder einem Auto auf einer Holperstrecke, dann brauchen Sie ohne Shakereduction Belichtungszeiten kürzer als 1/125 Sekunde, weil sich sonst die Fahrzeugbewegungen und Vibrationen auf die Kamera übertragen.

Fotografieren Sie mit Belichtungszeiten länger als eine Viertel Sekunde vom Stativ, dann sollten Sie insbesondere dann, wenn Ihre Kamera nicht über eine erstklassige Spiegelmechanik verfügt, der Spiegel also beim Hochklappen sehr weich  abgedämpft wird, grundsätzlich von der Spiegelvorauslösung Ihrer Kamera Gebrauch machen, weil sonst die Erschütterungen durch das hochklappen des Spiegels für Verwacklungen im Bild sorgen.

 

Bei Belichtungszeiten länger als eine Sekunde sollten Sie selbst bei Kameras der Spitzenklasse grundsätzlich die Spiegelvorauslösung aktivieren. So weich wird keine Bewegung abgefangen, dass es nicht trotzdem zu leichtem Vibrieren der Kamera käme, während der Spiegel hochklappt. Doch indem der Spiegel bereits vor der Aufnahme mit der manuellen Spiegelvorauslösung hochgeklappt wird, vermeiden Sie diese unangenehmen Vibrationen der Kamera. Bei kürzeren Belichtungszeiten machen sich diese Vibrationen nicht bemerkbar. Unter anderem das macht übrigens Spiegelreflexkameras deutlich teurer als Pocket-Kameras, denn die Spiegelmechanik ist der mechanisch aufwändigste Teil einer Spiegelreflexkamera.

Verwischter Hintergrund

Wenn Sie ein Auto oder ein anderes Objekt, das sich quer durch das Bild bewegt, mit einem unscharfen, verwischtem Hintergrund fotografieren möchten, dann müssen Sie die Kamera mit ziehen und bei Belichtungszeiten länger als 1/60 Sekunde den Verschluss auslösen, während die Kamera in der Bewegungsrichtung mitgezogen wird. Meine Angabe der Belichtungszeit ist nicht absolut, sie hängt natürlich wesentlich von der Geschwindigkeit quer durch das Bild ab. Auch in diesem Fall ist etwas experimentieren angesagt.

 

 

Auto in Bewegung

 

 

 

Das wirkt oft sehr viel besser als die statisch eingefrorene Bewegung, auf der auch der Hintergrund vollkommen scharf ist und vermittelt durch den verwischten Hintergrund den Eindruck von Schnelligkeit.

Lichterspuren nachts

Sie kennen Sie sicher, die Langzeitbelichtungen, auf denen die Autos im Bild nur noch durch ihre roten und weißen Lichtspuren von den Rücklichtern beziehungsweise Scheinwerfern zu sehen sind, während die Leuchtreklamen ganz scharf sind.

 

Auch dazu sind lange Belichtungszeiten erforderlich, mindestens 2-3 Sekunden, es darf auch durchaus länger sein. Um die korrekte Kombination aus Belichtungszeit und Blende zu ermitteln sollten Sie sich nicht unbedingt auf die automatische Belichtungsmessung verlassen. Denn die Lichtreklamen sollen nicht überbelichtet werden, was jedoch der Fall wäre, wenn die Belichtungsautomatik versuchen würde, die Wände der Häuser korrekt zu belichten. Sofern Ihre Kamera über Spotmessung verfügt, sollten Sie damit zunächst die Leuchtreklamen ausmessen und anschließend auf eine beliebige helle Hauswand messen. Versuchen Sie einen Kompromiss in der richtigen Belichtungseinstellung, damit die Häuser noch halbwegs erkennbar werden und die Leuchtreklamen nicht viel zu hell.

 

Einigermaßen korrekte Belichtungswerte können Sie mit der Einstellung "mittenbetonte Messung" erreichen, wenn Sie eine Leuchtreklame so anpeilen, dass sie in der Mitte des Bildes ist. Die gemessenen Werte werden beibehalten, wenn Sie bei halb durchgedrücktem Auslöser anschließend auf den Bildausschnitt schwenken, den Sie tatsächlich haben möchten.